
Oder: Warum ein Kunsthandwerkermarkt nicht einfach vom Himmel fällt.
Liebe Ausstellerinnen und Aussteller, liebe Marktfreunde,
„Ganz schön teuer, das Standgeld!“
Diesen Satz habe ich in mehr als vier Jahrzehnten als Veranstalterin von Kunsthandwerkermärkten immer wieder gehört. Manchmal ausgesprochen, manchmal nur zwischen den Zeilen.
Und ich kann ihn sogar verstehen. Wer drei Tage auf einem Markt steht, seine Ware mitbringt, seinen Stand aufbaut, vielleicht noch Hotelkosten, Benzin und Verpflegung bezahlen muss, der möchte am Ende schließlich auch etwas verdienen.
Aber haben Sie sich eigentlich schon einmal gefragt, wofür Sie Ihr Standgeld bezahlen?
Vielleicht glaubt der eine oder andere, dass die Veranstalterin morgens erscheint, freundlich lächelt, die Standgelder kassiert und abends mit einer gut gefüllten Geldbörse nach Hause fährt.
Schön wär’s!
Dann hätte ich vermutlich schon vor vielen Jahren aufgehört zu arbeiten und würde heute irgendwo unter Palmen sitzen.
Die Wirklichkeit sieht allerdings etwas anders aus.
1. EIN GUTER MARKT BRAUCHT DIE RICHTIGEN AUSSTELLER
Ich könnte es mir einfach machen und jeden nehmen, der sich anmeldet und sein Standgeld bezahlt.
Das tue ich aber nicht.
Ein guter Kunsthandwerkermarkt lebt von seiner Vielfalt, von Qualität und von einer interessanten Zusammenstellung der Angebote.
Was nützen den Besuchern zwanzig Schmuckstände nebeneinander, wenn dafür der Töpfer, der Holzbildhauer oder der Glasbläser fehlen?
Deshalb werden Bewerbungen geprüft, Gespräche geführt, Sortimente abgestimmt und Standplätze geplant.
Und manchmal müssen wir auch Absagen erteilen, obwohl wir das Standgeld durchaus gebrauchen könnten.
Denn ein Markt wird nicht dadurch gut, dass möglichst viele Stände auf möglichst wenig Fläche untergebracht werden.
2. WERBUNG IST KEIN LUXUS, SONDERN NOTWENDIG
Ein Markt ohne Besucher ist für alle Beteiligten eine Enttäuschung.
Deshalb gehört die Werbung zu unseren wichtigsten Aufgaben.
Zeitungsanzeigen, Pressearbeit, Plakate, Handzettel, Internetseiten, soziale Medien, Newsletter und Veranstaltungskalender – all das muss vorbereitet, gestaltet, organisiert und teilweise bezahlt werden.
Und Werbung hat eine unangenehme Eigenschaft: Man weiß vorher nie genau, wie viele Menschen sie tatsächlich lesen und zum Besuch bewegen werden.
Trotzdem müssen wir investieren.
Denn kein Besucher kommt nur deshalb, weil irgendwo auf einer Wiese fünfzig schöne Verkaufsstände stehen.
Er muss zunächst einmal erfahren, dass es diese Veranstaltung überhaupt gibt.
3. FLÄCHENNUTZUNGSGEBÜHREN, STROMKÄSTEN, KABEL UND VERTEILER, TOILETTEN, MÜLL, NACHTWACHEN UND SICHERHEIT, MANCHMAL EIN STANDROHR FÜR FRISCHE WASSERZUFUHR
Es sind die Dinge, die kaum jemand bemerkt, solange sie funktionieren.
Stromanschlüsse müssen organisiert, Kabel verlegt, Verteiler bereitgestellt und Sicherheitsvorschriften eingehalten werden.
Toiletten müssen vorhanden und sauber sein. Bei uns fast immer mit Personal.
Müll muss entsorgt werden.
Rettungswege müssen frei bleiben.
Je nach Veranstaltung werden Absperrungen, Beschilderungen, zusätzliche technische Einrichtungen und weitere Dienstleistungen benötigt.
Und dann ist da noch die Nachtwache.
Sie kostet Geld, auch wenn in der Nacht nichts passiert.
Eigentlich sollte man darüber froh sein.
Denn eine Nachtwache ist nicht erst dann sinnvoll, wenn etwas gestohlen wurde.
Sicherheit kostet Geld. Fehlende Sicherheit kann erheblich teurer werden.
4. AUCH DIE MENSCHEN HINTER DEN KULISSEN ARBEITEN NICHT UMSONST
Ein Markt organisiert sich nicht allein.
Da gibt es Menschen, die beim Aufbau helfen, Fahrzeuge einweisen, Stromanschlüsse kontrollieren, Probleme lösen, Besucher informieren und während der Veranstaltung als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.
Manchmal muss kurzfristig ein Standplatz verändert werden.
Manchmal fällt ein Aussteller aus.
Manchmal gibt es technische Schwierigkeiten.
Und manchmal möchte jemand unbedingt genau dort stehen, wo bereits ein anderer steht.
Dann braucht es nicht nur Organisationstalent, sondern gelegentlich auch die Geduld eines Engels.
Und Engel, das kann ich Ihnen versichern, stehen bei uns nicht auf der Gehaltsliste.
Unsere Mitarbeiter allerdings schon.
5. DAS WETTER KENNT KEINE STANDGELDER
Eine der größten Unsicherheiten unseres Berufes ist das Wetter.
Wir können einen Markt noch so sorgfältig vorbereiten, die interessantesten Aussteller verpflichten und hervorragende Werbung machen.
Wenn es drei Tage ununterbrochen regnet, bleiben möglicherweise viele Besucher zu Hause.
Die Rechnungen bleiben allerdings nicht zu Hause.
Sie kommen trotzdem.
Auch bei Sturm, Regen und enttäuschenden Besucherzahlen müssen die vereinbarten Leistungen bezahlt werden.
Das wirtschaftliche Risiko liegt dabei zu einem erheblichen Teil bei der Veranstalterin.
Und selbstverständlich gibt es auch Märkte, bei denen nach Abzug aller Kosten weniger übrig bleibt, als mancher Aussteller vermutet.
6. WARUM VERDIENT DER EINE AUSSTELLER GUT UND DER ANDERE NICHT?
Das ist eine Frage, die mich seit Jahrzehnten beschäftigt.
Auf demselben Markt, bei denselben Besucherzahlen und demselben Wetter verkauft der eine Aussteller hervorragend.
Sein Nachbar fährt enttäuscht nach Hause.
Woran liegt das?
Am Sortiment? An den Preisen? An der Präsentation? An der Freundlichkeit? An der Kaufkraft des Publikums?
Wahrscheinlich an einer Mischung aus allem.
Wir Veranstalter können dafür sorgen, dass ein Markt möglichst gute Voraussetzungen bietet.
Wir können Werbung machen, Besucher anlocken und eine attraktive Veranstaltung organisieren.
Aber wir können nicht dafür garantieren, dass jeder Besucher an jedem Stand etwas kauft.
Das wäre schön. Dann würden wir vermutlich alle gemeinsam reich werden.
7. UND WAS BLEIBT AM ENDE FÜR DIE VERANSTALTERIN?
Eine Frage, die durchaus berechtigt ist.
Natürlich muss auch eine Veranstalterin Geld verdienen.
Schließlich ist die Organisation von Märkten kein gemeinnütziges Hobby, sondern ein Unternehmen.
Von den Einnahmen müssen zunächst sämtliche Kosten bezahlt werden.
Dazu kommen Büroarbeit, Telefon, Versicherungen, Buchhaltung, Steuerberatung, Fahrzeuge, Fahrten, Personal und viele weitere Ausgaben.
Und irgendwann sollte auch für die eigene Arbeit etwas übrigbleiben.
Denn wer monatelang plant, organisiert, Verantwortung trägt und wirtschaftliche Risiken übernimmt, darf dafür auch bezahlt werden.
Das gilt für einen Kunsthandwerker genauso wie für eine Veranstalterin.
Niemand würde von einem Töpfer erwarten, dass er seine Arbeitszeit verschenkt und nur die Kosten für den Ton berechnet.
Warum sollte das bei Veranstaltern anders sein?
8. EIN STANDGELD IST KEINE UMSATZGARANTIE
Diesen Unterschied halte ich für besonders wichtig.
Mit dem Standgeld bezahlt ein Aussteller seine Teilnahme an einer organisierten Veranstaltung und die vertraglich vereinbarten Leistungen.
Er kauft damit aber weder eine bestimmte Besucherzahl noch einen garantierten Umsatz.
Wenn ein Markt schlecht besucht ist, muss sich die Veranstalterin selbstverständlich fragen, woran das gelegen hat und was verbessert werden kann.
Aber ein enttäuschender Umsatz allein bedeutet nicht, dass die Veranstalterin ihre Arbeit nicht geleistet hat.
Umgekehrt verlangt sie schließlich auch keinen Anteil am zusätzlichen Gewinn, wenn ein Aussteller an einem Wochenende außergewöhnlich gut verkauft.
Und glauben Sie mir: Ich freue mich über erfolgreiche Aussteller.
Denn zufriedene Aussteller kommen wieder.
9. WARUM ICH DIESEN BERUF TROTZDEM NOCH IMMER LIEBE
Seit mehr als vier Jahrzehnten organisiere ich Kunsthandwerkermärkte.
Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, Freundschaften geschlossen, wirtschaftlich schwierige Zeiten erlebt und unzählige schöne Erinnerungen gesammelt.
Ich habe Aussteller erlebt, die mit ganz wenig angefangen haben und sich mit großem Fleiß eine Existenz aufgebaut haben.
Ich kenne Menschen, die ich seit Jahrzehnten auf meinen Märkten begrüßen darf.
Und ich freue mich noch heute, wenn am Sonntagabend jemand zu mir kommt und sagt:
„Das war wieder ein wunderschöner Markt. Wir kommen nächstes Jahr gerne wieder.“
Das ist für mich mehr als ein geschäftlicher Erfolg.
Es ist auch die Bestätigung, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat.
Natürlich gibt es gelegentlich Beschwerden. Das gehört dazu.
Aber die vielen anständigen, zuverlässigen und freundlichen Aussteller, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite, sind der eigentliche Grund, warum ich diesen Beruf noch immer gerne ausübe.
MEIN FAZIT
Wenn Sie das nächste Mal Ihre Standgeldrechnung bekommen, denken Sie vielleicht daran:
Sie bezahlen nicht einfach drei Meter Wiese oder Pflastersteine für zwei oder drei Tage.
Sie bezahlen auch für die vielen Stunden und Wochen, in denen andere Menschen daran gearbeitet haben, dass Sie dort überhaupt Ihre Waren anbieten können.
Für Organisation, Werbung, Genehmigungen, Infrastruktur, Sicherheit, Erfahrung und Verantwortung.
Und für das wirtschaftliche Risiko, das eine Veranstalterin übernimmt.
Natürlich darf und soll man über Standgelder sprechen. Auch kritisch.
Aber ein fairer Vergleich sollte immer berücksichtigen, welche Leistungen dahinterstehen.
Denn billig ist nicht automatisch preiswert. Und teuer ist nicht automatisch gut.
Ein guter Markt entsteht nicht durch das Kassieren von Standgeldern. Er entsteht durch Arbeit, Erfahrung, Engagement und Menschen, die gemeinsam etwas auf die Beine stellen wollen.
Und wenn am Ende die Besucher zufrieden nach Hause gehen, die Aussteller gute Geschäfte gemacht haben und wir erschöpft, aber glücklich den letzten Stand abbauen sehen, dann weiß ich wieder, warum ich das alles mache.
Auch wenn ich dafür noch immer nicht unter Palmen sitze.
Ihre Elke Baum
Kunsthandwerkermärkte seit über vier Jahrzehnten – und noch immer mit Herzblut dabei.