Laufband oder Kunsthandwerkermarkt – Hauptsache, wir kommen voran!

19. August 2026

Laufband oder Kunsthandwerkermarkt – Hauptsache, wir kommen voran!
Liebe Freunde,
 
ich gebe zu: Ich bin kein Mitglied im Fitnessstudio. Ich verstehe es einfach nicht. Da laufen Menschen mit hochrotem Kopf immer schneller, schwitzen, keuchen und legen sich mächtig ins Zeug. Nach einer halben Stunde stehen sie noch immer genau dort, wo sie angefangen haben. Ist das nicht eine merkwürdige Form von Fortschritt???
 
Manchmal denke ich: Genauso geht es uns auch auf den Kunsthandwerkermärkten.
Wir schreiben mehr E-Mails, drucken mehr Flyer, schalten mehr Werbung, posten bei Facebook, Instagram und in zwölf verschiedenen Gruppen. Wir planen Standplätze, zählen Steckdosen, beantworten Fragen, verschieben Zelte und versuchen nebenbei noch, das Wetter auf der App zu dokumentieren.
 
Wir laufen und laufen – und manchmal haben wir trotzdem das Gefühl, keinen Meter voranzukommen.
Kaum hat ein Markt eine gute Idee, wird sie anderswo übernommen. Ein besonderes Plakat, ein neues Werbekonzept, musikalische Unterhaltung, Kinderprogramm oder pfiffige Dekoration – was heute noch auffällt, gehört morgen schon fast zur Grundausstattung.
 
Auch Aussteller müssen immer wieder neue Ideen entwickeln. Denn wenn an zwölf Ständen ähnliche Dekorationen, Armbänder oder Taschen angeboten werden, kann der dreizehnte Stand noch so individuell geschmückt sein: Für die Besucher sieht irgendwann alles gleich aus.
 
Der Wirtschaftswissenschaftler Michael Porter hat es einmal sehr treffend formuliert: “Effizienter zu werden ist noch keine Strategie.” Oder in meiner Sprache:
 
Nur weil ich die Ausstellerliste schneller abhefte, die Standpläne noch farbiger gestalte und meine Flyer in Rekordzeit verteile, wird daraus noch kein besonderer Kunsthandwerkermarkt.
 
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
 
Warum sollen die Menschen auch morgen gerade zu unseren Märkten kommen?
Sicher nicht, weil dort hundert weiße Zelte in Reih und Glied stehen. Und auch nicht, weil es irgendwo eine Bratwurst, einen Kaffee oder ein Schild mit der Aufschrift „Herzlich willkommen“ gibt. Das gibt es inzwischen fast überall.
 
Die Menschen kommen, wenn sie etwas erleben, das ihnen in Erinnerung bleibt.
Sie kommen, weil sie den Kunsthandwerkern bei der Arbeit zusehen können. Weil sie erfahren, wie aus einem Stück Holz eine Schale, aus Silber ein Schmuckstück, aus Ton eine Figur oder aus einem Stück Stoff ein Kleidungsstück entsteht.
 
Sie kommen, weil hinter jedem Stand ein Mensch mit einer Geschichte steht.
Weil nicht irgendein Verkäufer eine Ware anbietet, sondern derjenige, der sie selbst entworfen und mit seinen eigenen Händen hergestellt hat.
 
Manchmal kommen sie auch, weil sie einen bestimmten Aussteller seit Jahren kennen. Dann wird nicht nur gekauft, sondern erst einmal erzählt: „Ach, Sie sind auch wieder da!“
Genau darin liegt für mich die Besonderheit unserer Märkte: in der Mischung aus Handwerk, Begegnung, Atmosphäre und Persönlichkeit.
 
Natürlich müssen wir organisieren, rechnen und wirtschaftlich denken. Wir können die Standgebühren nicht mit freundlichen Worten bezahlen und die Werbung leider auch nicht mit drei Keramikschalen und einem Paar selbst gestrickter Socken.
 
Aber wenn wir nur noch versuchen, billiger, schneller und größer zu werden, landen wir irgendwann ebenfalls auf dem Laufband. Wir strengen uns mächtig an – kommen aber keinen Schritt weiter.
Ein guter Kunsthandwerkermarkt braucht deshalb nicht unbedingt immer mehr Stände. Er braucht die richtigen Stände. Er braucht Menschen, die für ihre Arbeit brennen, Besucher neugierig machen und nicht einfach nur Ware auf einen Tisch legen.
 
Und er braucht einen eigenen Charakter.
Der Trittauer Markt rund um die historische Wassermühle darf anders sein als der Markt auf einem Schlosshof in Husum. Ein Markt an der Ostsee darf sich anders anfühlen als ein Erntedankmarkt am Trittauer Mühlenteich.
Wenn am Ende alle Märkte gleich aussehen, könnten wir schließlich auch überall dasselbe Ortsschild aufstellen.
Die Zukunft unserer Kunsthandwerkermärkte entscheidet sich deshalb nicht allein daran, wer die meisten Aussteller, die größte Werbung oder die niedrigsten Kosten hat. Sie entscheidet sich an der Frage:
Was erleben die Menschen bei uns, das sie anderswo nicht erleben?
Vielleicht nehmen sie ein besonderes Unikat mit nach Hause.
Vielleicht führen sie ein interessantes Gespräch.
Vielleicht lernen sie ein altes Handwerk kennen.
Vielleicht verbringen sie einfach einen schönen Tag mit ihrer Familie.
Und vielleicht erzählen sie anschließend anderen davon.
 
Dann sind wir tatsächlich vorangekommen – ganz ohne Laufband und ohne Muskelkater. Obwohl ich nach einem Marktwochenende manchmal Beine habe, als wäre ich drei Tage darauf gelaufen.
Warum ich Euch das schreibe? Weil ich im Moment genau daran arbeite, dass der Erntedankmarkt am 3. und 4. Oktober rund um die Trittauer Wassermühle DER MARKT wird, von dem ich hier schreibe – nur 30 Minuten vor den Toren Hamburgs.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

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