Elke Baum:
Es hätte so schön sein können,
aber das nächste Weihnachten kommt schneller als man denkt.
Weihnachten auf dem Hamburger Jungfernstieg
Der Jungfernstieg im "Winterzauber"
Weihnachtsmärkte 2010?
Es hätte so schön sein können ...
"Weihnachten kommt schneller als man denkt". Während im September des Jahres bereits die ersten Spekulatius in die Discounter ziehen, erfasst schon im Oktober ein ungeduldiger Aktionismus die Profis unter den Kunsthandwerkern und Händlern. Die bevorstehenden, durchgehend langen Wochen Weihnachtsmärkte auf ihrem Veranstaltungsprogramm sorgen für Nervosität. Die oftmals hohen Standgelder für vier bis sechs Wochen Weihnachtsmärkte sollten im Laufe des Jahres zumindest bis zur Hälfte an die Veranstalter überwiesen sein. Ausreichend Ware muss hergestellt, geordert und gelagert werden, zuverlässiges Personal eingestellt, Unterkünfte reserviert, das Privatleben organisiert und so weiter und so fort. Immerhin geht es um die umsatzstärkste Veranstaltungszeit des Jahres und darum, wie lange man sich von den Einnahmen ins kommende Jahr finanzieren kann. Erfolgreiche Händler verdienen oft die Hälfte des Jahresumsatzes mit ihren Weihnachtsmärkten. Wo und wie man jetzt positioniert ist, entscheidet über die finanzielle Basis des neuen Jahres. Nicht selten wurden Rechnungen bis zu den Einnahmen aus den Weihnachtsmärkten hin und wieder weg geschoben. So begannen die Weihnachtsmärkte wie in allen Jahren zuvor mit Illusionen, Hoffnungen, Ängsten und hohen Erwartungen der Aussteller.
Nach den ständigen Krisenszenarien der vergangen Jahre unmittelbar vor Beginn der Weihnachtsmärkte begann Ende Oktober/ Anfang November des vergangenen Jahres - man staune - die Zeit der GUT - Nachrichten. Deutschland hatte die Finanzkrise überwunden, die Arbeitslosigkeit sank unter 3 Millionen, der Export boomte und selbst die Konsumfreude der "Geiz-ist-Geil-Gesellschaft" stieg zum Entzücken des Einzelhandels unerwartet - fast wie über Nacht - erfreulich lohnend. Es war fast zu schön um wahr zu sein. Und genau das war es, was mich beunruhigte. Sollte es ein Weihnachtsumsatz- Marktmärchen für alle geben?
Umso heftiger schlug die Bombe ein: Terrorwarnung für Deutschland!!! Al Kaida Chef Osama bin Ladens Terroristen auf Deutschlands großen Weihnachtsmärkten. Nach bekannten Hinweisen sollten bereits für Ende November Anschläge geplant sein. Zu besonders gefährdeten Zielen gehörten Großstädte wie Berlin, München, Hamburg und das Ruhrgebiet. Für öffentliche Veranstaltungen wie Weihnachtsmärkte gab es zwar keine offiziellen Terrorwarnungen, dennoch galten sie als gefährdete Plätze. Ein Selbstmordanschlag mit Sprengstoff an einem solch gut besuchten Ort hätte katastrophale Folgen gehabt. Innenminister de Maizière erhöhte die Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen und Bahnhöfen. Am 18. Nov. ... einen Tag nach der Warnung des Innenministers vor erhöhter Terrorgefahr in Deutschland gab ein Gepäckstück auf einem Flughafen in Namibia den Sicherheitsbehörden Rätsel auf. Es hätte nach München gelangen können und dadurch wurde möglicher Terror in deutschen Großstädten zusätzlich noch einmal bestätigt.
Am 18. November begann der Weihnachtsmarkt in Dortmund. Die Händler auf Weihnachtsmärkten, etwa in Dortmund, wurden sensibilisiert wegen der aktuellen Terrorgefahr. Der Weihnachtsmarkt in Hannover wurde wegen Terrorgefahr erstmals per Video überwacht und die Aufnahmen sechs Tage gespeichert. Neben der Videoüberwachung schickte die Polizei verstärkt Streifen auf den Weihnachtsmarkt in Ulm. Große Veranstaltungen wie der Hamburger Dom und die vielen Weihnachtsmärkte in Deutschland standen im Visier der Sicherheitskräfte. Der Besuch eines Weihnachtsmarktes wurde zum persönlichen Risiko erklärt. "Gehen Sie trotz Terrorwarnungen auf den Weihnachtsmarkt?" wurden die Menschen landauf - landein vor laufenden Kameras der Fernsehregionalsender gefragt.
Als ich am 26. November mit dem ICE von Überlingen am Bodensee durch Deutschland rauschte und abends Stunden zu spät im Hamburger Hauptbahnhof ankam, hatte sich kein Reisender darüber aufgeregt, dass sich auf dieser Strecke drei Selbstmörder an unterschiedlichen Stellen zum Sterben vor den Zug auf die Gleise gelegt hatten. Waren es doch nicht die geschickten Selbstmörder von Osama bin Laden.
Während in St. Gallen/Schweiz oder in Überlingen am Bodensee die Weihnachtsdekorationen im Vergleich zu Hamburg sehr spärlich anzusehen waren, kam ich an in der Weihnachtshauptstadt Hamburg.
HAMBURG, Großstadt, Metropole, pulsierendes Tor zur Welt für Touristen aus aller Welt. Nicht nur bedeutender Hafenstandort und multikulturelles Wirtschaftszentrum, auch die Stadt mit großer Lebensfreude und hoher Lebensqualität. Wichtiges kulturelles Zentrum mit Theater, Nachtleben, Oper, Fischmarkt, Dom und Musical. Beginnend am Hauptbahnhof wurde der Besucher unweigerlich mit auf eine vorweihnachtliche Reise genommen. Der Duft von gebrannten Mandeln lag in der Luft und festlich geschmückte Tannenbäume prägten das Bild der Hamburger Innenstadt. Wie an einer Perlenkette reihten sich unterschiedliche Weihnachtsmärkte aneinander, wetteiferten die Geschäfte mit Dekorationen der Superlative und hüllte sich die Hansestadt in eine festliche Beleuchtung aus abertausenden Glühlampen, Lichterketten und illuminierten Tannenbäumen. Vorbei am Weihnachtsmarkt auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz bis hin zum nostalgisch gestalteten, großen historischen Weihnachtsmarkt vor der ehrenwürdigen Kulisse des Hamburger Rathauses. Vom 21. November bis 31. Dezember luden die bekannten großen Weihnachtsmärkte und die kleinen - erstmals auch in der Hafencity - und auf der Fleetinsel zu einem weihnachtlichen Bummel durch Hamburgs Innenstadt ein.
Doch war es mit der Terroristengefahr schon genug, es kam noch ein neues Phänomen hinzu: WINTER!
Vier Wochen Schnee im Wechsel mit Eisregen sorgten in weiten Teilen Norddeutschlands für glatte Straßen. Betroffen waren auch die Autobahnen JETZT warnten die Medien alle zehn Minuten im Radio die Menschen davor, ihre Komfortzone zu verlassen - schon gar vor die Türe zu gehen, wenn nicht unbedingt erforderlich.. Es wurde von Unfällen, Stürzen durch Glatteis auf den Bürgersteigen und Sonderschichten in den Krankenhäusern berichtet und im Fernsehen dokumentiert.
Fast noch schlimmer als die Warnungen vor Osama bin Ladens angekündigten Terroristen in den Talk -Shows der Fernsehsender mit unterschiedlichen Politikern zogen sich diese stündlichen Unwetterwarnungen Tag für Tag - Woche für Woche - durch Deutschlands Medienlandandschaften.
"Ich nehme seit 20 Jahren an Weihnachtsmärkten teil. Ein Weihnachtsmarkt mit durchgehend Schnee und Eis haben wir noch nie erlebt", stellte Susi Kuska mit ihrem Schmuckstand auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Hamburger Jungfernstieg fest. Umsatzeinbußen deutschlandweit von 15 - 20 Prozent ließen viele Händler ihre Hoffnungen auf ein besseres Weihnachtsgeschäft als in den letzten Jahren am Jahresende mit dem Schnee schmelzen. Während der Einzelhandel über die neu entdeckte Kaufkraft der Kunden jubelte, vermieste das Winterwetter die Weihnachtsmarkt-Bilanz. Blitzeis-Warnungen hatten die Tagesgäste aus dem Umland fern gehalten. Wer sich trotzdem auf die Weihnachtsmärkte wagte, hielt sich nicht lange auf. Es war einfach zu kalt. Das bekamen auch die Weihnachtsmärkte auf den Gutshöfen mit sinkenden Besucherzahlen zu spüren. In Hamburg punktete wieder der Roncalli -Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus mit dem "schwebenden Weihnachtsmann".
Der Weihnachtsmarkt "Winterzauber" auf dem Jungfernstieg direkt an der Binnenalster - in von der Behörde vorgeschriebenen weißen Pagoden - dagegen wurde von einer großen U-Bahn - Baustelle auseinander gerissen. Die sparsamen Dekorationen und zu viel Gastronomie in den weißen Pagoden wirkten zur Binnenalster noch eisiger als der Winter es schon war. Händler die auf dem Roncalli Weihnachtsmarkt und auf dem Jungfernstieg ihre Stände aufgebaut hatten, berichteten jedoch von identischen Umsätzen.
Gut gefallen hatte mir wieder der Weihnachtsmarkt mitten im Herzen von Berlin auf dem Gendarmenmarkt. Er gehörte zu den wenigen Weihnachtsmärkten, wo der Besucher in gemütlich warmer Atmosphäre gepflegt und anspruchsvoll zu einem fairen Preis essen konnte. Das genießt er besonders, wenn er wie ich aus Hamburg kommt, um sich dort mit Geschäftsfreunden oder Ausstellern zu treffen. Die Aufmerksamkeit für das Detail und der künstlerische Anspruch unterscheidet Kunsthandwerk vom Kunstgewerbe und wurde hier von vielen Kunsthandwerkern beeindruckend präsentiert.
Gewinner dieses Jahres:
Hüte und Mützen von Uwe Rathje, Hamburg
Die Kunsthandwerker lobten hier den Komfort wie die geheizten Zelte und nahe liegenden Toiletten für Aussteller. Verärgert und enttäuscht waren sie über die Berliner Presse, die ständig von der Angst vor Terrorismus auf den Berliner Weihnachtsmärkten statt von deren guten Qualität berichteten.
Wo kommt denn nun das berühmte Licht am Ende des Tunnels, wird sich der Leser fragen. Es gibt sie immer die GEWINNER - sonst gäbe es keine Weihnachtsmärkte mehr. Gewinner im Jahr 2010 waren die Händler mit "Hüte und Mützen". Wohl denen, die insgesamt zehn Stände mit Hüten und Mützen auf allen attraktiven Weihnachtsmärkten in Hamburg und im nahe liegenden Umland hatten. Für sie oder ihn war das Winterwetter fast wie ein Lottogewinn.
Der Bürstenmacher Hintz
Aber auch alle anderen Kunsthandwerker und Händler müssen nicht verzagen. Deutschlands berühmtester Zukunftsforscher Horst Opaschowski, der übrigens in Börnsen ganz in unserer Nähe wohnt, sagte für 2011 voraus: "Wenn es der Wirtschaft gut geht, wird es auch den Menschen besser gehen. Die Ära des Angstsparens geht langsam zu Ende. Die Bundesbürger sind jetzt wieder bereit, sich mehr zu leisten. Aber mit gutem Gewissen". Seine Aussage sollte uns allen, die sich im Veranstaltungskarussell drehen, Mut machen. Wie war das noch? "Weihnachten kommt schneller als man denkt".
Ihre
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