Elke Baum:
... Kunsthandwerker waren immer schon leidensfähig.
Gastronomiezeile mit Ausschankschiff ...
... dem Bratwurststand ...
... und der "Reiseconditorei" -
ein abgeschlossenes Konzept.
Die Kieler Woche -
Bericht von Pascal Raviol aus Köln an Elke Baum
Elke,
nun bin ich aus Kiel zurück, und um eine teure, bittere Erfahrung reicher. Es war die wohl größte Pleite, die ich bislang zu verkraften habe.
"Hast Du Geld zuviel, dann fahr nach Kiel!"
Mit diesen Worten verabschiedete sich auf dem Markt in Kornelimünster eine befreundete Schaustellerin von mir, als sie hörte, dass ich nun zum nächsten Markt, auf die Kieler Woche fahren würde. Und: Sie sollte Recht behalten. Mehr noch: Eine solche Pleite habe ich lange nicht verkraften müssen.
Dabei hörte sich alles recht passabel an:
Auf meine vor einem Jahr geschriebene Bewerbung mit dem Konzept einer in sich geschlossenen Gastronomiefläche erhielt ich von der Stadt Kiel eine Zusage für die Holstenbrücke. Gleichwohl mit dem fairen Hinweis, das es sich um eine Problemfläche handele, auf der es schon viele versucht hatten. Andererseits die einzige Alternative für einen bezahlbaren Standplatz, da alle anderen Flächen seit Jahren vergeben sind.
Die Fläche liegt in einer Seitenstraße der Fußgängerzone. Hier halten sämtliche Busse und der MC Donald ist ein hoch frequentierter Anlaufpunkt. Die Holstenbrücke stellt die Verbindung vom Rathaus, auf der der "Internationale Markt" stattfand, zur Kiellinie her.
Konzept einer in sich geschlossenen Gastronomiefläche
Ich habe auf diese "Laufkundschaft" gebaut und dabei meine Erwartungen nicht hoch geschraubt. Blickfang auf meiner Fläche war die "St. Maria", ein 14 Meter hohes Ausschankschiff der Familie Schifke. Darum herum gruppierten sich meine 1949 gebaute Reiseconditorei, eine kleine Kaffeebar, ein Bratwurststand und der Flammlachsstand von Rainer Traber. Die Straße wurde von uns komplett mit einem Boden ausgelegt, die Sichtachse zu den Bussen durch einen beigefarbenen und von Glühlampen illuminierten Zierzaun abgegrenzt. Rund um unsere Geschäfte drapierten wir üppige Blumenrabatten, Sonnenschirme, hochwertige Tische mit Korbstühlen. Eine Oase inmitten der Stadt.
Was fehlte war das Publikum!
Grölende Jugendliche zogen mit Bierdosen und billigstem Fusel ausgerüstet an uns vorbei. König Alkohol regierte alle Tage. Von unserem Speisenangebot mit frischen Schupfnudeln, Rucollasalat, Burgunderbraten und herzhaften Kartoffelwaffeln profitierte die Kieler Tafel, denen ich unsere Ware spendete. Für 1 Euro habe ich unsere Bratwurst verkauft! Einkaufspreis ca. 80 Cent! Angerichtet auf einem Porzellanteller mit richtigem Besteck! "Zu teuer", so der oft unverschämte Kommentar der Vorüberziehenden.
Mein Fazit:
Es gibt Stellen auf der Kieler Woche, die funktionieren gut. Fürst Gosch weiß sich in Szene zu setzen und maritime Atmosphäre zu schaffen. Der internationale Markt auf dem Rathausplatz ist authentisch, weil Speisen und Getränke und auch Standpersonal dort einander ergänzen. Einer Frau aus dem Senegal kauft man Krokodilfleisch eher ab, als einem norddeutschen Schausteller in rot-weißem karierten Hemd die bayrische Brotzeit.
Wenn dann noch die extra aus Bayern gemietete Band ein "Viva Colonia" anstimmt, dann ist klar, woran die ganze Kieler Woche kränkelt: Konzeptlos! Es fehlt ein Regisseur.
Jeder bewirtschaftet eine Ecke auf der Suche nach dem schnellen Geld. Und so reiht sich Schwenkgrill an Schwenkgrill, Süßwarenbude an Süßwarenbude, Bierstand an Bierstand. Qualität zählt leider nicht.
Stattdessen bietet IKEA eine Bratwurst für einen Euro an, überziehen Staubschwaden der herunter getretenen Grünflächen die sonst auf den Weihnachtsmärkten stehenden Holzhütten und deren Fußball Fan Artikel und geben sich viele Künstler auf den großen Bühnen ein Stelldichein. Dieses kulturelle "Umsonst" Angebot wird angenommen, alle Bühnen sind umlagert. Und die Fans bringen alles mit! Rucksäckeweise Essen und Trinken und ziehen so ausgerüstet an den Standbetreibern vorbei. Geiz ist Geil! Das merkt man hier besonders. Fragt sich nur, wie lange noch: Ich kann, will und werde mir keinen Stand auf der Kieler Woche mehr leisten um das zu unterstützen.
Dabei dachte ich bei der Kieler Woche an Segelschiffe, Shanty Chöre, Fischbrötchen, Angel und Bootszubehör .... all das habe ich leider nicht gefunden. Statt dessen ein Bayernzelt, die Backfisch Rutsche vom Hamburger Dom, die Präsentation eines Autoherstellers und ein Mobilfunk Anbieter warf Handys ins Hafenbecken und ließ die umherstehenden Massen sich ausziehen und danach fischen......
Ein Highlight gab es dennoch: Elke Baum besuchte mich. Später kam ihr Otto nach. Und was sagte der?
"Hallo Lothar und Pascal, schön Euch zu sehen! Ihr seit gesund, habt es toll gemacht, leider die falsche Veranstaltung, aber da finden wir bestimmt mal was Besseres! Zusammen und gemeinsam! In Elkes Internet "Event Bits" wird sie für Eure Gastronomie werben! Ich werd mal mit ihr reden....."
Kommentar Elke Baum aus Trittau:
In der Tat, da stand nun inmitten einer Großveranstaltung namens Kieler Woche nach deren Konzept man suchen musste, mein Freund Pascal Raviol mit einem wunderschönen maritimen, gediegenen Markt, wie bereits von ihm beschrieben mitten in der Innenstadt Kiel. Als wäre alles noch nicht schlimm genug, setzte man genau vor seine Geschäfte eine riesige bayrische Holzhütte, die das maritime Outfit des Ausschankschiffes mit seinen 14 m hohen Segelmasten und die Life - Show des Seeräubers hoch oben im Mast zum Teil verdeckte. Unglücklicher konnte die Platzierung nicht sein und unprofessioneller schon gar nicht. Der Mensch fasst sich an den Kopf und denkt: „Wer ordnet einen so schwachsinnigen Standaufbau an?!“. Natürlich gehören wir beide nicht zu den Gestrigen und merken schnell, dass der Veranstalter hier den Schwerpunkt klar auf das Abkassieren der Standgebühren legt ohne Rücksicht auf die Aussteller die mit viel Liebe, Aufwand und Individualität zum eigentlichen maritimen Thema der Kieler Woche beitragen. Drei Millionen Menschen schoben sich durch Kiel. Der NDR warb zehn Tage lang im Radio fast stündlich für das bemerkenswerte kostenlose Musikprogramm auf der NDR Bühne und das bereits Tage vorher.
Unsere Kunsthandwerkermeile dagegen befand sich am Ende der Kieler Woche oder am Anfang wie man es nimmt, gelegen ca. 200 Meter vom Riesenrad direkt am reichen Kieler Yachthafen mit Blick auf die millionenschweren Yachten.
Aber es fehlte die unmittelbare Anbindung an die Schaustellerstände, was ich im Nachhinein aber nicht unbedingt als nachteilig sehe. Die Rucksackgeneration blieb nämlich auf der Schaustellermeile in der Innenstadt und am Hafen. Uns besuchte das versnobte Publikum frei nach dem Motto: "Mein Haus, mein Boot, meine Frau" (wenn sie denn nicht schon durch eine jüngere mit aufgespritzten Lippen ausgewechselt wurde). "Wie teuer ist denn ihre Deckbürste", fragte der Segler aus seiner Millionenyacht unseren Bürstenmacher Hintz. "16 Euro 50", erwiderte der. Der Yachtbesitzer schüttelte Kopf: "Dann schrubbe ich besser mit meiner alten Deckbürste weiter. Bei dem Preis kann ich mir schließlich die Yacht nicht mehr leisten". Ha, Ha, ...........
Natürlich ging auch ein kultiviert freundliches Publikum an unseren Kunsthandwerkerständen vorbei, das sich hoch erfreut zeigte, auch einmal etwas anderes geboten zu bekommen als Handyschalen und Ein-Euro-Artikel oder ähnliche Billigartikel. Nur es wusste keiner von unserer Kunsthandwerkermeile. Gegenüber von uns grölten die Reichen und Vornehmen aus ihren Appartements bereits morgens um zehn Uhr alkoholisiert. Es hagelte massiv Beschwerden von den Anliegern, weil die Wohnmobile der Aussteller direkt hinter der Kunsthandwerkermeile und somit in ihrem Blickfeld standen. Sie waren auch mit Recht kein Anblick für die Gäste des feinen, gegenüberliegenden Yachthafen-Restaurants und den Bewohnern der Appartmentwohnungen gegenüber.
Der Yachthafen
Nur, warum versäumte es die Stadt, 50 Meter weiter einen Platz für unsere Wohnmobile abzusperren? Stattdessen wurden alle freien Flächen für Parker mit Schildern - selbst im gegenüber liegenden Waldgebiet durch das eine Straße führte - blockiert und noch ein Parkwächter zusätzlich aufgestellt! Ständig wurden Autos der Gäste abgeschleppt. Nächster Ärger: Der Gastronom auf unserer Meile hatte Pagoden plus Imbisshänger und Bierwagen nach Ballermann Art mit entsprechender Musikbegleitung aufgebaut. Wie bei Pascal war unsere Meile aber bezahlbar, wenn man weiß, dass in bester Lage auf der Kieler Woche der Meter mit 720,00 Euro gehandelt wird. Die Kunsthandwerker zahlten sehr humane Standpreise.
Wer natürlich aus dem Süden kam, Personal mitbrachte und zehn Tage in einer Ferienwohnung oder Hotel wohnte, hatte kaum Grund zum Jubeln. Wer allerdings aus dem Norden anreiste, hatte trotz allem keinen Grund zum Meckern. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Das erste Wochenende war enttäuschend - und das nicht nur auf unserer Meile. Menschen ohne Ende, traumhaftes Wetter und Umsätze zum Grämen. Eine unserer Ausstellerinnen hatte noch einen Stand auf dem Internationalen Markt am Rathaus - die gleichen schlechten Umsätze wie auf unserer Kunsthandwerkermeile. Wir klebten also erst einmal Plakate zuhause in Trittau auf Stellschilder - und erlaubt oder auch nicht - begannen wir ab Mittwoch auf der Kieler Woche vom Riesenrad bis zu unserer Kunsthandwerkermeile Hinweisplakate zum Kieler Yachthafen zu stellen. Danach wurde es besser. Nun wusste man endlich, dort waren die Kunsthandwerker. Auch unser Gastronom, der noch einen "Massagesalon" in einem Wohnwagen mit ausgezogener Markise hinter unseren Ständen geparkt hatte, ließ sich nach einigen Tagen von mir überzeugen, seine Markise einzuziehen. "Wie haben Sie denn das geschafft", wurde ich gefragt. Man traut es mir nicht zu, aber ich kann auch ganz freundlich Dinge sagen, die man normalerweise nur flüstert. Ab Mittwoch ging es auf unserer Meile bergauf.
Karin Thiergarten mit Spielzeug
Grund waren mit Sicherheit nicht nur unsere Hinweisschilder alleine, sondern die Ferien, die in einigen Bundesländern begannen und das Wetter spielte elf Tage mit. Am Ende der Kieler Woche waren die meisten Kunsthandwerker mit ihren Umsätzen zufrieden. Ein trauriger Beginn bei bestem Wetter und schöner Lage mit einem nahezu guten Ende. Allerdings für Karin Thiergarten mit nostalgischem Spielzeug wurde es zum schlechtesten Markt seit Anfang ihres Bestehens (25 Jahre Markterfahrung). Auch einer anderen Ausstellerin mit Schmuck stand die Enttäuschung im Gesicht.
Mit dem richtigen Konzept bei humanen Standgebühren, gutem Wetter und zusätzlich bezahlter Radiowerbung für die Kunsthandwerkermeile mit einem dekorativeren Outfit der Gastronomie hätte diese Meile eine Chance als Einzelveranstaltung innerhalb der Kieler Woche an einem idyllischen Ort integriert zu werden. Die Stadt Kiel müsste jedoch auch Parkplätze für die Wohnmobile der Aussteller schaffen. Nur, das große Geld verdient man heute weder hier noch sonst wo. Wer aufmerksam in unserem Land lebt und so fleißig arbeitet wie viele von uns als Aussteller und Veranstalter, muss wissen, dass unser Staat den Mittelstand in den letzten zehn Jahren fast in das Vorzelt des Harz IV Empfängers gewirtschaftet hat. Aber genau das ist unsere Käuferschicht, die wir brauchen. Die Deutschen feiern und lieben ihre Märkte und Feste. Aber leisten können die Durchschnittsbürger sie sich nicht mehr oder nur reduziert. Sie möchten gerne, aber können nicht und nehmen sich ihren Proviant mit auf die Veranstaltung. Das ist die ganze bittere Wahrheit - nur hören will sie keiner. Weil das so ist, dreht sich das Veranstaltungskarussell immer schneller, und irgendwann gibt es für jeden wieder das Wochenende, wo alles stimmt. Leider nur viel zu selten und im Moment im Verhältnis 1 zu 3 (ein guter Markt muss drei schlechte ausgleichen).
"Ich möchte unbedingt im nächsten Jahr wiederkommen", sagte mein Mode Designer Claas Paessen auf der Kieler Woche. Er lebt seit Jahren ab Herbst in Indien mit seiner Partnerin. Unser Gastronom wird sicherlich keine Genehmigung mehr für die Kieler Woche am Yachthafen bekommen. Oder doch? Wohnwagen allerdings gehören auf den Campingplatz - für Aussteller und selbstverständlich auch Veranstalter.
Pascal wird in Zukunft mit Sicherheit einen großen Bogen um Kiel machen - denn wie heißt es so schön: "Wie ist's doch am Rhein so schön ...", und Kunsthandwerker waren immer schon leidensfähig.
Ihre
und Pascal Raviol
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