"Verdammtes Mittelmaß"
Als Veranstalterin muss ich mich fragen: "Warum sollte ein Aussteller ausgerechnet meine Märkte buchen?"
Als Kunsthandwerker: "Warum sollte ein Besucher, der unter Leistungsdruck sein Geld verdient, bei mir etwas kaufen, was er oft gar nicht unbedingt braucht?"
Denn was auch immer Sie herstellen oder anbieten - Ihr Kunde kann aller Wahrscheinlichkeit nach unter mehreren Alternativen wählen. Schließlich leben wir alle in einem Zeitalter des "Zuviel". Weshalb sollte er sich ausgerechnet auf einem Markt - vielleicht noch während es regnet - für Sie entscheiden? Dieses Wochenende, nächstes Wochenende und hoffentlich auch übernächstes Wochenende? Das nicht nur auf einem Markt, nein, an jedem Wochenende auf mehreren ähnlichen Kunsthandwerker - oder Lifestylemärkten. Sagen Sie jetzt bitte nicht: "Weil wir gute Qualität, exzellenten Service und Professionalität bieten!" Das behaupten Ihre und meine Mitbewerber auch. In den meisten Fällen haben alle miteinander recht, und genau da liegt das Problem: Viele Kunsthandwerker und ihre Veranstalter bieten guten Durchschnitt und daher unterm Strich nicht mehr als Mittelmaß. Gleichheit im Angebot führt auf Kundenseite zu Gleichgültigkeit und auf Anbieterseite nicht selten zu einem ruinösen Preiskampf. Es ist daher nicht die Frage, ob Sie sich verändern müssen. Die Frage ist, ob Sie schnell genug sind. Das dürfte bei den meisten Kunsthandwerkern etwas schwierig werden und damit bei ihren Veranstaltern auch.
Wer sein wirtschaftliches Heil in der Mitte sucht, beim Durchschnittsprodukt zum Durchschnittspreis, sitzt in Zukunft immer öfter in der Klemme. Dabei spielt es keine Rolle, was er verkauft. Das Überangebot an Schmuckdesignern oder die sich so nennen werden das in den nächsten Monaten schmerzhaft zu spüren bekommen.
Man schaut, wie es die anderen machen und orientiert sich vorrangig daran. Marktbeobachtung und Benchmarking verleiten zur Nachahmung und zur Kopie. Doch eine Kopie wird im Wettbewerb um den Kunden niemals ganz oben auf dem Siegertreppchen stehen.
Konsumforscher warnen inzwischen vor der "toten Mitte".
Die Erfolgschancen liegen jenseits vom Mittelmaß, sie warten nur darauf, entdeckt zu werden. Dafür bedarf es Fantasie, Mut und Risikofreudigkeit. Ein Marktführer muss lernen, die Innovation zur Routine zu machen. Wer auf die goldene Mitte setzt, läuft mehr und mehr Gefahr, im Mittelmaß zu versinken. Unsere Devise muss lauten: Differenzieren oder verlieren! Die Zukunft gehört Kunsthandwerkern und Händlern, die ihren Kunden etwas Besonderes bieten, sei es Exklusivität, Servicequalität oder Ideenreichtum. Der Kunde von heute verhält sich auf unseren Märkten nicht einschätzbar und lässt sich nicht wie vor zwanzig Jahren in eine Schublade pressen. Er kauft heute bei Aldi und gönnt sich morgen das exklusive Ambiente.
Wir Menschen lieben das Mittelmaß: Das zu tun, was "alle" tun, kann schließlich nicht falsch sein. Es ist einfacher, der Masse zu folgen und für das eigene Handeln ein so wunderbares Alibi zu haben. Das Problem: Wer das tut, was alle tun, wird auch nur das bekommen, was alle bekommen. Heute gilt: The winner takes it all.
Mittelmaß gewinnt nie. Es hat nie gewonnen, und es wird nie gewinnen. Denn Erfolg entsteht eben nicht durch Mitlaufen, sondern vor allem durch Vormarschieren. Solange Kunsthandwerker, Händler und Veranstalter nur das bieten, was alle bieten, bekommen sie eben auch nur das, was alle bekommen: durchschnittliche Erlöse, durchschnittliche Anerkennung, durchschnittliche Aufmerksamkeit. Dort, wo alle sind, ist wenig zu holen. Jeder sucht die goldene Mitte, und wer sie gefunden hat, wird feststellen, dass sich dort viel zu viele tummeln.
Wir brauchen nur in den Kreis Stormarn zu schauen. Mehrere Märkte mit ähnlichem Angebot an einem Wochenende und besucht von den Immergleichen - mal mit Eintrittsgeld - mal ohne. Aber welcher Besucher kann an jedem Wochenende auf jedem Markt für 100,00 Euro etwas kaufen - selbst, wenn das Angebot gefällt? Müssen sich hier die Veranstalter wundern, wenn die Ausstellerzahlen zurückgehen?
Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute. Wohin uns die Normalen gebracht haben, ist nicht zu übersehen.
Die Ansammlung der ewig Zweiten ist zugleich die immerwährende Suche nach dem ersten Platz oder nach Mitleid, manchmal mit aggressiven Ausbrüchen.
Erfolg hat Ähnlichkeit mit Lotto spielen. Wenn Sie mitspielen, sind die Chancen auf einen echten Expertenstatus Gewinn minimal. Wenn Sie nicht mitspielen, verlieren Sie zu 100 Prozent. Und genau das treibt Veranstalter und Aussteller Woche für Woche auf die Märkte. Leider werden manchmal Märkte von den Ausstellern schlecht und kaputt geredet, genau dort wo andere auf diesen Märkten super Umsätze erwirtschaftet haben. Frustriert wendet sich der Veranstalter ab und streicht diese Märkte von seiner Liste. Das Mittelmaß in seiner Unzufriedenheit hat genau dort gesiegt, wo die wirklich Kreativen gute Umsätze erwirtschaften konnten und nun einen guten Markt verlieren. Welch vermessener Anspruch steht hinter der Erwartung des Ausstellers, dass ausgerechnet sein Angebot das richtige an diesem Wochenende sein soll? Wie komme ich als Veranstalterin darauf, dass ausgerechnet meine Kunden, die Kunsthandwerker und Händler, zu den von mir bevorzugten Veranstaltungsorten Vertrauen haben? Was maßen wir uns an zu glauben, die Besucher müssten zu tausenden auf unsere Märkte strömen, wenn es doch nebenan ebenfalls Märkte gibt - oft mit dem gleichen Angebot und mit Zweitständen der immer gleichen Aussteller?
Die inflationäre Entwicklung unserer Kunsthandwerkermärkte geht Hand in Hand mit den Besuchern, die sich den Sonntag ein wenig interessanter gestalten möchten. Gelangweilt gehen sie an den Ständen vorbei, ohne ernstes Interesse, schließlich geht es am gleichen Tag weiter zu dem nächsten Markt - spätestens am nächsten Wochenende. So beginnen in der nächsten Novemberwoche die ersten Weihnachtsmärkte in den Großstädten ihre Buden aufzubauen und buhlen um den ersten Platz. Inzwischen dauern sie oft sechs Wochen bis zum 31. Dezember. Land auf und Land ab Weihnachtsmärkte, und wenn ein Dorf noch keinen hat, fühlt sich selbst der Bürgermeister nicht wohl. Vorbei die Zeiten wo sich die gesamte Familie am Adventssonntag um den runden Tisch versammelte, um Weihnachtsschmuck zu basteln. Es lockt der Ruf der Weihnachtsmärkte, und es bleibt keine Zeit zum Träumen.
Schauen wir mal. ........., wo die Kassen klingeln.
Ihre
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