Thomas Dieker an der Drechselbank
Ein Kugelschreiber entsteht
Amboina-Füllfederhalter
mit Goldbeschlag
Fotos © Thomas DIeker
Heute:
der Stiftemacher
Elke Baum:
Thomas, Sie bauen diese tollen Schreibgeräte. Als wir uns im Sommer 2005
auf einer meiner Veranstaltungen in der Lüneburger Heide kennenlernten,
da gestanden Sie mir, dass Sie eigentlich Musiker seien. Das hört sich
nach einem interessanten Lebensweg an. Wie hat es bei Ihnen angefangen?
Thomas Dieker:
Ich habe in der Tat nach dem Abitur ein klassisches Musikstudium in den Fächern
Orgel, Violoncello und Kammermusik absolviert und bin danach einige Jahre als
freischaffender Musiker in einem Trio durch ganz Europa und die USA gereist.
Nach meiner Heirat und der Geburt meiner beiden Töchter war es damit vorbei und ich konnte mich als Musikpädagoge
etablieren. Ein Lehrauftrag für fünf Jahre an der renommierten Folkwang
Hochschule in Essen war dafür der entscheidende glückliche Schritt.
Ist Ihnen dabei ein Ast auf den Kopf gefallen oder wie kam die Verbindung zum Holz zustande?
Meine Schreibgeräte sind aus Holz. Und Holz und Musik sind in gewisser
Hinsicht seelenverwandt, denn beim Bau vieler Musikinstrumente spielen Art und
Beschaffenheit von Hölzern eine entscheidende Rolle.
Nein, im Ernst, ich habe mich schon als Schüler für Holzarbeiten interessiert.
Die Lebendigkeit und Vielseitigkeit dieses Naturmaterials hat mich schon immer
gereizt.
Als 18-jähriger habe ich mir ein Cembalo gebaut; das ist ein klavierähnlicher
großer Kasten mit Saiten, die aber nicht angeschlagen werden wie beim
Klavier, sondern gezupft oder angerissen. Das Instrument tut heute noch seinen Dienst
bei Konzerten in einer Kirche.
Allerhand, aber ein Cembalo ist kein Griffel...
Richtig - irgendwo auf einem Weihnachtsmarkt hatte ich mir mal einen sogenannten
"Handschmeichler" gekauft. Der war aus Eibenholz gedrechselt, mit
so einer schönen Maserung, die durch die maschinelle Bearbeitung ganz toll
hervortrat.
Die Freude an diesem Holzstück führte dann zu meinen ersten eigenen
Drechselversuchen - zuerst mit einem Bohrmaschinenvorsatz, aber wegen des unerträglichen
Lärms dieser Maschine kurz darauf mit einer "richtigen" Drechselbank.
Nach und nach habe ich meine gesamte Verwandtschaft mit Schlüsselanhängern,
Pfeffermühlen, Schalen und was man sonst noch so drechseln kann "versorgt",
bis sich eine Vorliebe für Schreibgeräte daraus entwickelte. Darauf
habe ich dann meinen gesamten Einfallsreichtum verwendet mit dem Ergebnis, dass
sich tatsächlich ein Schreibwarenhändler dafür begeisterte.
Damit war der Schritt in die Professionalisierung getan...
Genau, und da ich Freude am Umgang mit Menschen habe - wie bei der Musik auch - fiel mir der Kontakt zu den Kunden auf kunsthandwerklichen Märkten und Messen nicht besonders schwer. Da war dann aus mir ein gewerblicher Schreibgerätebauer mit Vorführeffekt geworden.
Genial - Sie haben ja wirklich eine erstaunliche Variationsbreite an Formen und Hölzern. Wie machen Sie das?
Die Schreibgeräte werden aus über zwanzig Edelholzarten an der Drehbank handgedrechselt; jedes Exemplar wird so ein einzigartiges Stück, da die natürliche Farbe und Maserung der Hölzer und die Unregelmäßigkeit der Handarbeit keine Gleichheit zulassen. Im Laufe der Zeit verändert das Holz durch Lichteinwirkung seine Farbe und lässt die Stifte dadurch scheinbar mitleben. Diese Eigenschaft wird durch die Endbehandlung des Holzes mit einer Schellackpolitur und einer Schutzschicht aus Hartwachs erhalten.
Die fühlen sich auch wirklich weich und schmeichelnd an...
Eben. Es gibt kein künstliches Material, das den Tastsinn beim Schreiben
so zufrieden stellt, wie die Natürlichkeit des Holzes.
Die genau dadurch entstehende besondere Individualität und Schönheit
lässt sich nur durch den viel sensibleren Umgang mit dem Holz in der Handarbeit
erreichen.
Wer kauft denn nun eigentlich so etwas?
Jeder Mensch, der heute im Zeitalter des Computers mit der Hand schreibt, weiß die Individualität seiner Handschrift besonders zu schätzen. Der inflationäre Gebrauch von Gedrucktem durch den Computer hat zu einer gewissen Verarmung an Schönheit und Ausdruckskraft alles Schriftlichen geführt. Viele Menschen spüren diesen Mangel und stellen sich mit einem bewusst ausgewählten, individuellen Schreibwerkzeug dieser Entwicklung entgegen. Ich wünsche mir eine Kehrtwende im Umgang mit unseren Alltagsartikeln. Nicht nur mit einem Schreibgerät. Langlebige Produkte, die durch ihre Einmaligkeit täglich Freude bereiten, in Handarbeit herzustellen, ist für mich nicht nur eine befriedigende, sondern auch eine sinnvolle Arbeit. Ich spüre, dass immer mehr Menschen diesen Gedanken teilen.
Danke Thomas Dieker und viel Glück für die Zukunft.
Ihre
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